
Durch regelmäßiges Training werden die Tiere nicht nur beschäftigt, sie lernen auch, bestimmte Abläufe stressfrei mitzumachen. So können beispielsweise medizinische Untersuchungen ohne Aufregung durchgeführt oder Anlagenwechsel unkompliziert gestaltet werden.
Einem Trampeltier die Füße sauber machen, einen Mähnenwolf wiegen oder einen Eisbären röntgen – all das ist dank modernen Tiertrainings möglich. Für dessen Umsetzung tragen in Hellabrunn aktuell 8 Tierpflegerinnen und Tierpfleger die Funktion als Tiertrainingsverantwortliche. Sie koordinieren das Tiertraining und gemeinsam mit ihren Teams trainieren sie unterschiedliche Tierarten und erleichtern damit nicht nur die tägliche Arbeit, sondern schaffen auch Vertrauen zwischen Mensch und Tier.
Beim modernen Tiertraining geht es nicht um Dressur, sondern darum, den Tieren Abläufe aus dem täglichen Umgang vertraut zu machen. Sie lernen, auf bestimmte Signale zu reagieren und bei Untersuchungen oder Pflegemaßnahmen mitzumachen. So können viele Situationen, die für die Tiere ungewohnt sein können, Schritt für Schritt trainiert und dadurch möglichst stressfrei gestaltet werden. Dabei gibt es keinen einheitlichen Trainingsplan: Was bei einer Tierart funktioniert, muss bei einer anderen oder auch bei einem einzelnen Tier ganz anders aufgebaut werden.
Ein wichtiger Bestandteil ist das sogenannte Medical Training. Dabei lernen die Tiere, bestimmte Positionen einzunehmen oder Körperstellen gezielt zu zeigen. So können beispielsweise Blut- oder Urinproben genommen oder Röntgenaufnahmen angefertigt werden, ohne dass das Tier dafür sediert werden muss.
Ganz konkret trainiert Frank Staatsmann, Tierpfleger und Tiertrainingsverantwortlicher in der Hellabrunner Polarwelt, mit den drei Eisbärinnen Nuna, Nooki und Giovanna. Beim sogenannten Targettraining haben die Tiere zunächst gelernt ihre Schnauze an ein Target, z.B. ein roter Punkt, zu halten. Indem der Tierpfleger das Target an unterschiedliche Stellen führt, kann der Eisbär so an verschiedene Orte bewegt werden. Beispielweise wird den Eisbärinnen so gezeigt, dass sie ihren Kopf in einer Plexiglasbox ablegen und ruhig halten, damit eine Röntgenaufnahme des Kiefers gemacht werden kann. Dies ist im Falle von Eisbärin Giovanna aufgrund von Zahnproblemen gelegentlich notwendig. Zudem wird trainiert, dass die Eisbären sich aufstellen oder eine Tatze heben, um das Fell und die Krallen überprüfen zu können.
„Für uns ist wichtig, dass die Tiere beim Training gerne mitmachen. Deshalb arbeiten wir mit positiver Verstärkung. Ein kurzes Klickgeräusch mit dem „Klicker“ gibt dem Tier das Signal, dass es etwas richtig gemacht hat. Dazu kommt eine Belohnung, zum Beispiel in Form von Futter. So lernen die Tiere Schritt für Schritt welches Verhalten wir von ihnen wollen – dabei entscheidet aber immer das Tier, ob es mitmachen möchte“, erklärt Lena Bockreiß, in Hellabrunn als Kuratorin für Tierwohl und Training zuständig.
Modernes Tiertraining dient jedoch nicht nur medizinischen Untersuchungen, sondern auch der Beschäftigung der Tiere, denn das Training fordert die Tiere auch geistig. Maria Riesch, Tierpflegerin und Tiertrainingsverantwortliche bei den Mähnenwölfen, trainiert mit den eher scheuen Tieren, damit sie Vertrauen zu ihren Pflegerinnen und Pflegern aufbauen. Im Training lernen sie beispielsweise, auf ein Signal auf die Waage zu gehen oder sich die Krallen kontrollieren zu lassen. Gerade bei scheuen Tierarten können solche Übungen den Alltag erleichtern, da notwendige Kontrollen möglichst ohne stressreiches Einfangen durchgeführt werden können.
Auch der unkomplizierte Wechsel zwischen verschiedenen Anlagen ist ein wichtiger Bestandteil des Trainings. Beispielsweise müssen Tiere regelmäßig zwischen Innen- und Außenbereichen wechseln. Das sogenannte Husbandry Training hilft dabei, beispielsweise Trampeltiere, an solche Abläufe zu gewöhnen. Tierpflegerin und Tiertrainingsverantwortliche Lucia Köhler übt mit den Tieren unter anderem das Laufen am Halfter und das ruhige Passieren eines Tores. So können notwendige Wechsel zwischen den Anlagen für Tier und Mensch möglichst entspannt ablaufen.
Tierpark-Direktor Rasem Baban betont die Bedeutung des Tiertrainings für die tägliche Arbeit: „Tiertraining gehört für mich ganz selbstverständlich zu einer modernen Tierhaltung. Es hilft uns, die Tiere im Alltag besser zu versorgen und ihnen medizinische Untersuchungen möglichst angenehm zu machen. Gleichzeitig braucht es dafür viel Geduld und ein gutes Gespür für jedes einzelne Tier, denn jedes Tier ist anders – und genau darauf müssen sich unsere Tierpflegerinnen und Tierpfleger einstellen.“
Ob für medizinische Untersuchungen, Beschäftigung oder den täglichen Umgang: Tiertraining ist damit ein wichtiger Bestandteil der modernen Tierpflege in Hellabrunn.
Im Hellabrunner Elefantenhaus kann regelmäßig nachmittags um 14:15 Uhr das Training der Elefanten beobachtet werden.




