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Das Panzernashorn in der europäischen Kunst- und Kulturgeschichte

Rhinocerus" von Albrecht Dürer, 1515
Copyright: Darko Veselinovic

Seine künstlerischen Anfänge nahm das Nashorn vor mindestens 31.000 Jahren (Jungpaläolithikum)  auf dem Gebiet Westeurasiens. Auch außerhalb dieses Kulturkreises fand man eingeritzte Abbildungen in Knochen oder Steinen sowie kleine Figuren aus Ton. Forscher gehen mehrheitlich davon aus, dass es sich hier um Darstellungen des inzwischen ausgestorbenen Wollnashorns handelt. In anderen Erdteilen stieß man ebenfalls auf frühzeitliche (Halb-)Höhlenmalereien durch Jäger und Sammler, wie beispielsweise in Südasien, wo das Panzernashorn vor rund 10.000 Jahren künstlerisch verewigt wurde.  Mit dem Beginn der Sesshaftigkeit der Menschen nahm die Häufigkeit der Abbildungen von Nashörnern ab.

Erst im frühen 16. Jahrhundert feierte es mit dem Holschnitt von Albrecht Dürer sein Comeback. Dieses Kunstwerk stellte nicht irgendein Nashorn dar, sondern ein zu dieser Zeit von Indien nach Lissabon importiertes Panzernashorn, das vermutlich das erste lebende Exemplar auf europäischem Boden seit der Römerzeit war. Afonso de Albuquerque, der Vertreter des portugiesischen Königs in Indien, hatte es 1514 im Zuge diplomatischer Verhandlungen von Sultan Muzafar II. als Geschenk überreicht bekommen. Jener wiederum übergab es feierlich seinem König Manuel II. von Portugal. Das Tier lebte bis Ende 1515 in dessen Menagerie und wurde dann auf seine zweite große Reise geschickt: Manuel II. schenkte es Papst Leo X.. Und so transportierte man wertvolle Beigaben und das Panzernashorn mit Samtkragen und Ketten prunkvoll geschmückt nach Rom. Unglücklicherweise geriet das Segelschiff vor der ligurischen Küste in einen schweren Sturm und kenterte. Das Nashorn, ans Deck gekettet, ertrank. Der Leichnam wurde wenig später an Land gespült und die Haut nach Lissabon zurückgeschickt. 1516 kam das Tier schließlich in ausgestopfter Form bei Papst Leo X. an. Der Verbleib ist bis heute ungeklärt, man munkelt, es stünde im Vatikan. Basierend auf einem Brief eines Kaufmanns und der Skizze eines unbekannten Künstlers, fertigte Albrecht Dürer seine Zeichnungen an, woraus dann der Holzschnitt entstand. Seine Darstellung war verblüffend naturnah, wenn man bedenkt, dass Dürer das Tier nie selbst zu Gesicht bekommen hat. Aber natürlich wies es einige anatomische Fehler und Ungenauigkeiten auf: So erscheint die Haut des Nashorns auf dem Kunstwerk fälschlicherweise zum einen wie eine gepanzerte Rüstung, an den Beinen gar wie ein Kettenhemd, und zum anderen gefleckt. In dem beigefügten Text wird sie mit einem Schildkrötenpanzer assoziiert – eine mögliche Fehlinterpretation der vereinzelten, warzenförmigen Erhebungen auf der Haut des Panzernashorns. Das auffälligste Merkmal des Holzschnitts ist jedoch das zwischen den Schulterblättern angesetzte kleine Horn, das sich als „Dürer-Hörnchen“ in der Zoologie verankert hat. In der Regel trägt keine der fünf Nashornarten ein derartiges Horn im Nacken – zwar besitzen das Sumatra-, Breitmaul- und Spitzmaulnashorn zwei Hörner, allerdings auf der Nase und nicht an anderer Stelle. Es wurden aber hin und wieder Ausnahmefälle, insbesondere beim Breitmaulnashorn, beobachtet, die hornige Verwachsungen im Nackenbereich aufwiesen. Dass das Panzernashorn im Deutschen seinen Namen trägt, ist sicherlich auch der rüstungsartigen Darstellungsweise Dürers zu verdanken.

Lange Zeit wurde der Holzschnitt von Dürer als naturgetreu angesehen und erst Mitte des 18. Jahrhunderts, als weitere Panzernashörner nach Europa kamen, wurde das europäische Bild von Panzernashörnern modifiziert. Einen wichtigen Beitrag hierzu leistete Clara: Eine Panzernashorn-Dame, welche mit ihrem niederländischen Besitzer durch verschiedene Länder auf dem europäischen Kontinent tourte und den neugierigen Besuchern präsentiert wurde. Ein berühmtes Porträt schuf der französische Maler Jean-Baptiste Oudry 1749 mit einem lebensgroßen, naturnahen Ölgemälde von Clara. Doch nicht nur er – zahlreiche Künstler verewigten das Tier auf unterschiedliche Art und Weise. Ende des 18. Jahrhunderts lebte sogar ein Panzernashorn in der Menagerie des Tower of London, das unter anderem von dem berühmten, englischen Künstler George Stubbs verewigt wurde.