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Das Horn der Nashörner

Arttypisch tragen die Panzernashörner ebenso wie die Java-Nashörner, im Gegensatz zu ihren afrikanischen Verwandten und den Sumatra-Nashörnern, lediglich ein Horn auf dem Nasenbein. Es ist kegelartig geformt und kann bis zu 60 Zentimeter lang werden, wobei es in der Regel etwa 30 Zentimeter misst. Das Gewicht eines Horns liegt bei rund drei Kilogramm. Es besteht bei allen Nashornarten aus Keratin, welches sich wiederum aus zahlreichen, verdichteten Filamenten (langgezogenen Fäden) zusammensetzt. Das Faserprotein Keratin ist darüber hinaus Hauptbestandteil von menschlichen Finger- und Fußnägeln, Haaren,  Stacheln der Igel, Vogelfedern, Krallen und vielem mehr. Das Horn wächst bei den Nashörnern ein Leben lang nach – was unter Anbetracht dessen, dass es in freier Wildbahn wie auch in Menschenhand zu einer individuell unterschiedlich starken Abreibung an Bäumen, Steinen, Felsen und Wänden kommt, auch notwendig erscheint. Abgesehen davon benutzen die Tiere ihre markanten Hörner als Angriffs- sowie Verteidigungswaffe.

Doch die Familie der Nashörner ist in großer Gefahr: Die Zahl der gewilderten Nashörner in Afrika nimmt immer erschreckendere Ausmaße an, insbesondere in Südafrika. Hier wurden 2013 1.004 Exemplare auf grausame Weise getötet. Die Dunkelziffer in anderen Ländern könnte noch weit höher liegen. Hintergrund dieser steigenden Wilderei-Zahlen ist die Bedeutung, die dem Horn der Nashörner in der traditionellen chinesischen Medizin zuteilwird. Hier kommen 1.500 verschiedene, teils nahezu ausgerottete Tierarten zum Einsatz und werden zu angeblich heilenden Pulvern, Salben, Tabletten und Tinkturen verarbeitet. Von der Einnahme des gemahlenen Horns verspricht man sich eine potenzsteigernde, fiebersenkende, entgiftende und krampflösende Wirkung, außerdem hilft es angeblich gegen Epilepsie, Schlaganfall, Masern und seit Neuestem sogar gegen Krebs. Dabei ist wissenschaftlich nachgewiesen, dass es sich um Mythen handelt. Diese finden gerade in Vietnam immensen Anklang. Darüber hinaus hat sich das zu Pulver verarbeitete Horn längst als Statussymbol unter den reichen Gesellschaftsschichten etabliert. Hier wird gerne dem Gerücht Glauben geschenkt, es trage nach fettem Essen oder heftigen Trinkgelagen zur Besserung bei. Eine juristische Verfolgung seitens der vietnamesischen Regierung hält sich stark in Grenzen – seit 2008 wurde kein Angeklagter aufgrund der illegalen Nutzung von Nashorn-Horn mehr verurteilt. Und so fiel das letzte vietnamesische Java-Nashorn 2010 den Wilderern zum Opfer.

Besonders schizophren verhält es sich mit der im gesetzlichen Rahmen verlaufenden Trophäenjagd: Die daraus hervorgehenden Erlöse kommen zum Teil dem Naturschutz zugute. In Südafrika konnten so zwischen 2008 und 2011 über 35 Millionen US-Dollar für Nashornschutz eingenommen werden. Durch diese gesetzlich legalisierte Jagd wurden immer mehr „Pseudo-Jäger“ angelockt, die Lizenzen für die Nashorn-Jagd erwarben, aber weder im Umgang mit Waffen geübt waren, noch an Trophäen interessiert: Ihnen ging es nur um das Horn.  Rund die Hälfte von ihnen kam aus Vietnam. Seit 2012 stellt das südafrikanische Umweltministerium keine weiteren Genehmigungen mehr aus.

Die hohe Nachfrage nach dem Horn treibt die Preise nach oben: Für ein Kilogramm des begehrten Horns werden inzwischen rund 60.000 US-Dollar bezahlt. Dies wiederum macht die Arbeit der Wilderer noch lukrativer. Der Großteil unter ihnen wütet im bekannten Krüger Nationalpark in Südafrika – in manchen Nächten treiben hier bis zu 15 Wilderer-Gruppen, jeweils bestehend aus mehreren Personen, ihr Unwesen. Meist sind es arme Jugendliche aus Mosambik, die von Mittelsmännern hochtechnische Waffen erhalten, aber auch vietnamesische Diplomaten sollen sich immer wieder unter den Schmugglern und Wilderern befinden.

Es ist ein perfides Spiel, in dem es für die Nashörner zunehmend um Leben oder Aussterben geht: So lebt in Angola und Mosambik nur noch jeweils ein einziges Spitzmaulnashorn, in Südafrika sind es noch knapp 2.000 Exemplare dieser Art. Der Kampf gegen die Wilderei ist also nicht vergeblich, aber es wird zunehmend schwieriger, diese majestätischen Tiere zu beschützen. Auf eine Methode greifen Wildhüter nun vermehrt zurück: Sie sägen den wenigen noch lebenden Nashörnern zu ihrem eigenen Schutz ihren Hornkegel ab. Vielleicht hält die Zukunft für Nashörner nur noch ein Leben ohne ihr markantes Horn bereit?

Weitere Infos hierzu finden Sie unter www.wwf.de – Die blutige Achse der Nashornwilderei oder www.wwf.de – Bedroht weil gehörnt.